Heldinnen und Sisyphus

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    Endlich wieder Neues von unserer Gastautorin LaTina – viel Freude beim Lesen:

    Im letzten Schuljahr verkündete meine Tochter sehr selbstbewusst, sie werde im kommenden Jahr als dritte Fremdsprache Altgriechisch anstatt Französisch nehmen. 

    Der Teil der Familie, der bereits eine humanistische Ausbildung mit Altgriechisch genießen durfte, heulte auf und alle anderen schwankten zwischen maßlosem Entsetzen und nicht enden wollender Bewunderung. 

    Ich gehöre übrigens zu letzterem Teil der Familie. Meine Bewunderung ist grenzenlos. 

    Der Grund für ihre Wahl, ist so simpel, wie einfach: sie liebt die griechische Mythologie und einige nette Schulfreunde, die das Fach ebenfalls belegen. 

    Hinzu kommt, dass sie sich gerne von ihrem Bruder abgrenzen möchte, der hatte sich einst für Französisch entschieden -und ist kläglich gescheitert. Zwar hat er sich in den letzten fünf Schuljahren irgendwie sein Latinum ergaunert, hat aber Französisch nach einer glatten Fünf dankend abgelegt. 

    Das Töchterchen muss sich noch für die nächsten zwei Jahre (im besten Falle – eher drei Jahre, dann dürfte auch mein Sohn sein Abi in der Tasche haben) das gleiche Schulgebäude mit mit ihrem Bruder teilen, aber jeder Lehrer, der sie nicht in Verbindung mit ihrem Bruder bringt (in diesem Falle des Griechischlehrers), ist ein großes Geschenk. 

    Einmal nicht den Satz hören: „Huber?“ Panischer Blick des Lehrers. „Du bist aber nicht die Schwester von… ?“ Doch, ist sie. 

    Armes Kind, schwere Bürde.

    Familie prägt. Sie prägt beispielsweise durch die berühmt berüchtigten Arschlochgene, die logischerweise keiner will, aber ungefragt eingebaut bekommt und durch die vermeintlich genossene Erziehung. 

    Erziehung? Wie sagte bereits Gerhard Polt schon so schön in „Man spricht deutsch“: „… aber wenn man sieht, dass eine Sache genetisch versaut ist, das kann man mit Prügel allein nicht korrigieren.“ 

    Ich nehme an, dieses Zitat ist dem ein oder anderen Elternteil schon durch die Synapsen gerauscht, als das Produkt seiner Lenden in der Pubertät für Chaos gesorgt hat. Zum Glück hat es sich herumgesprochen, dass Geduld und nicht Prügel ein probates Mittel ist, um auch den renitentesten unter den PuberTieren wieder zur Raison zu bringen. 

    Das weiß man und das versucht man – auch wenn es nicht immer gelingt, denn nicht immer hat man einen gut gekühlten Gin Tonic, einen Boxsack, oder kiloweise Schokolade griffbereit. Manchmal reißt der berühmte Faden und dann heißt`s schnell Land gewinnen. Erst vor kurzem stand eine volle Müslischale zwischen meinen Erziehungsversuchen und meinem renitenten Sechzehnjährigen. 

    Nur soviel – die Schüssel hat es nicht überlebt und der Hund hat sich über lecker Müsli an der Wand gefreut. 

    Aber kommen wir zurück zur griechischen Mythologie. 

    Wir erinnern uns. Olymp, viele Götter, viele Halbgötter und alle wollen mitreden und mitwirken. Neben den zeugungsaffinen Göttern, tummeln sich die mit Menschen gezeugten Halbgötter und viele weitere Helden um den und am Olymp herum. Jeder buhlt um ein bisschen Aufmerksamkeit und ein jeder möchte ein Stückchen vom Kuchen – kurzum, es herrscht ein unfaires Hauen und Stechen auf dem Olymp.

    Neben den bekannten göttlichen, halbgöttlichen und menschlichen Protagonisten der griechischen Mythologie, ist mir einer sehr ans Herz gewachsen. Ich fühle mich diesem sehr verbunden und erkenne mich in seiner Tragödie oft wieder. 

    Es handelt sich um den guten, alten Sisyphos. Gerissen und schlau entkam er mehrere Male dem Tod Thanatos und konnte auch Hades, dem Gott der Unterwelt, geschickt entkommen. Das ging solange gut, bis Hades irgendwann die Nase voll davon hatte, von Sisyphos verhöhnt und veräppelt zu werden und ihn mit Gewalt in die Unterwelt warf. Zur Strafe muss Sisyphos stetig einen Stein einen Berg hinaufrollen, der ihm aber kurz vor dem Gipfel wieder entgleitet und zu Tal rollt. Sehr unbefriedigend.

    Wer Kinder hat, weiß, wie Sisyphos sich gefühlt haben muss. 

    Also, ich zumindest weiß es. Nicht weil ich schon einmal mit dem Tod gerungen hätte – zum Glück nicht, aber ich kämpfe auch tagtäglich mit den rollenden Steinen. Tägliche Aufforderungen an meine Kinder, sich als Mensch und nicht als Grottenolm zu präsentieren, fruchten nur rudimentär. 

    Und so kommt es zu den regelmäßig wiederkehrenden Fragen nach geputzten Zähnen, gemachten Hausaufgaben, gelernten Vokabeln, aufgeräumten Zimmern, weniger PS4 Zocken, pünktlichem Heimkommen und ordentlicher Garderobe. Genau wie der arme Sisyphus mit seinem Stein. Täglich grüßt das Murmeltier, täglich rollt der Sisyphus und täglich frage ich aufs Neue.

    Zum Glück haben die Götter ein Einsehen und viel Mitleid mit uns Eltern. Wir müssen nicht wie Sisyphus bis in alle Ewigkeit Steine rumrollern. Peu à peu dürfen wir kleine Etappen bewältigen. Das Ziel ist noch in weiter Ferne und noch ruht der Gipfel unter einem dicken Wolkenmeer, aber das ein oder andere Vorgebirge wurde schon überwunden und „nur noch“ ein paar hundert Höhenmeter müssen bewältigt werden. 

    Somit haben wir das Basislager schon verlassen und blicken vom Hochlager hinunter ins Tal, auf den Talstützpunkt, wo Leidensgenossen noch ihre Steinchen planlos rumschubsen. Das sind die, die noch im berühmten Basislager, der sogenannten Märchenwiese, am Achttausender Nanga Parbat in Pakistan hausen. Also die, die noch kleine Kinder und Babys bespaßen müssen. 

    Atemberaubende Bergkulisse, aber noch alles vor sich. Und je höher man selber klettert, desto weniger kümmert`s einen, was da unten passiert. Zwar nähert man sich dem Gipfel, aber die Luft hier wird mal richtig dünn und die Sauerstoffflasche wurde vorsorglich erst gar nicht erst eingepackt. 

    Während sich irgendwo hunderte von Metern weiter unten die kleine Prinzessin wutentbrannt täglich dreimal auf den Boden wirft, weil ihre Mutter nicht aussieht wie Barbie, überlegst du dir mal wieder, wo sich dein Sohn am Samstagabend um 2:00 Uhr nachts noch rumtreibt und wie hoch der Alkoholgehalt in seinem Blut ist. 

    Zeitgleich fragst du dich, ob das Engagement eines erfahrenen Suchtrupps ausreicht, um deine Tochter in dem unendlichen Weiten des Chaos in ihrem Zimmer wiederzufinden und sie anschließend aus ihrem Bett, mit dem sie mittlerweile verwachsen ist, herauszuschneiden. Beruhigend ist nur der Gedanke, dass sie nicht verhungern wird. 

    Genügend Pizza- und Essensreste finden sich unter ihrem Bett, so dass davon auch längere Zeit gezehrt werden kann.

    Das klingt jetzt erstmal alles recht lustig. Aber genau hier liegt der Hund begraben. Durch die stetige schweißtreibende Anstrengung, immer ein Stückchen Weg wett zu machen, nach vorne und nach oben zu schauen, verliert man gerne mal den Blick fürs Schöne, für das eigentliche Ziel. Dann geht man einen Weg und weiß nicht mehr warum – und Spaß macht der auch nicht. Und es ist egal, ob man diesen Weg mit einem Kind oder mit zweien oder dreien oder vielen bewältigen muss. 

    Kommen dann noch zusätzliche Belastungen, wie Beruf, Partnerschaft, Pflege eines Angehörigen etc. hinzu, kann es schnell zu viel, zu steinig, zu hoch werden. Je steiler der Anstieg, desto größer die Schwerkraft, die uns nach unten zieht, desto größer die Strapazen, die unser Körper und unser Geist bewältigen muss um weiter zu gehen und desto weniger Pausen legt man ein – muss ja schließlich weitergehen, irgendwie. 

    Genau jetzt, ist es wichtig, einen Blick über die Schulter zurückzuwerfen und zu bewundern, was für eine Strecke schon bewältigt wurde. 

    Der Blick ins Tal ist doch so unendlich befriedigend, wenn man sieht, von wo aus man gestartet ist und wie weit man schon gekommen ist. Wer schon einmal im Gebirge unterwegs war, der weiß, wovon ich rede. Dafür muss man innehalten, Pause machen, auch wenn der Rest der Expedition und der Gruppe ins Stocken gerät. Egal. Hier ist eine gesunde Portion Egoismus gefragt. Hacken rein und aus. 

    Oder man trifft sich mit den Sis, mit den Zauber-Mädels. Fällt durstig über die nächste Bar her und haut sich so lange weg, bis man seine Seelchen wieder ins Lot gerückt hat. 

    Denkt immer daran, den anderen geht es keinen Deut besser. 

    Im Gegenteil. Und manchmal sind Gin Tonic, Pizza und Profiterol die einzig wahre Antwort auf einen Höhenrausch.

     

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